Im Schneidersitz auf der Trankgasse

Mein erstes Demo-Erlebnis beim Protest
gegen den AfD-Parteitag

Von Sebastian Huck

Ich sitze Freitagabend vor dem Fernseher und sehe mir die Nachrichten an. Sie sprechen von „zu erwarteten Ausnahmezuständen“ und von „noch nie da gewesenen Ausmaßen“. Am morgigen Samstag findet der Bundesparteitag der Alternativen für Deutschland (AfD), hier in Köln, statt. Mehrere tausend Leute haben sich zum Protestieren gegen die Partei angekündigt, darunter auch ich.
An diesem Freitagabend ist noch alles ruhig, während ich dasitze und nachdenke. Es ist das erste Mal, dass ich aktiv an einer Demo teilnehme. Bisher kannte ich das nur aus den Nachrichten. Mir wird mulmig, wenn ich an die Bilder, die ich kenne, denke. Von Schlägereien zwischen Polizei und Demonstranten, von Wasserwerfern und vermummten Gewalttätern. Bisher hatte ich nie den Drang verspürt, gegen etwas zu protestieren, jedoch haben mich die aktuellen Entwicklungen sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft zum Umdenken gebracht. Mit diesem Gedanken sollte ich nicht alleine sein.

Geruch von Revolution

Am nächsten Morgen treffe ich Lars. Er ist Teil der Gruppe mit der ich mich für den Tag zusammengeschlossen habe. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Heumarkt. Dort soll eine Blockade errichtet werden, sodass die Delegierten der AfD nicht mehr zum Tagungsort, Hotel Maritim, durchkommen. Auf dem Weg erzählt mir Lars, dass es nicht seine erste Demo sei. „Ich gehe gelegentlich demonstrieren, wenn es die Sache hergibt. Bestimmt gibt es ein paar Leute, die nur herkommen um sich zu prügeln, oder auch welche, die einfach gegen die gesamte Politik sind, aber das ist mir zu blöd“, sagt er.
Als wir ankommen, liegt noch nicht wirklich der Geruch von Revolution und Gegenwehr in der Luft. Früh aufstehen, scheint den Protestlern wohl nicht zu liegen und das eklig-kalte Wetter macht es auch mir nicht leicht. „Die Ruhe vor dem Sturm“, denke ich mir. Die Blockade baut sich weiter auf sowie eine größere Bühne, auf der später sowohl die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker als auch Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, sprechen werden. Das Ganze wirkt mehr wie einer Art Festival als nach einem Protest. Das Einzige, das zu der Zeit darauf deuten lässt, sind die Hundertschaften, die sich schon Stunden vorher positioniert haben. Und nur kurze Zeit später werden sie auch benötigt, als die ersten zum Hotel durchkommen wollen. Es wird dabei sehr schnell hektisch. Urplötzlich merke ich, wie die Polizisten losspurten und die Journalisten gleich hinterher. Mir fällt ein Protestler auf, der die Leute massiv angeht und persönlich beleidigt, während sie von der Polizei abgeschirmt und durchgebracht werden. „Geh nach Hause, alter Mann. Verzieh dich! Lass deinen Frust woanders aus, Rentner!“ Das ist mir etwas zu viel. Ich blase einfach in meine Trillerpfeife. Das macht auch Lärm, ist aber etwas friedlicher. Bella, ein weiteres Mitglied der Gruppe, tut es mir gleich. „Das ist schon sehr hart, außerdem möchte ich nicht so laut schreien, wegen der Stimme“, meint sie.

Gehasste Feinde

Dem Block ist es egal, wer durch will. Ein junger Mann streitet sich mit einigen der Blockierer heftig und es kommt zu Handgreiflichkeiten. Mit Hilfe der Polizei kommt er durch und zeigt seinen Presseausweis. Eher kontraproduktiv, finde ich. Teilweise scheren die Leute, die für Toleranz und Vielfalt stehen sollten, andere Menschen wohl doch auch über einen Kamm, genauso wie es die gehassten Feinde vom nationalistischen Lager der Alternative für Deutschland machen. Ich merke, heute geht es nicht um Argumente, sondern darum, Zeichen zu setzen. Nur frage ich mich um welchen Preis.
Immer mehr Demonstranten versammeln sich und Leute beginnen, über Lautsprecher Parolen kundzugeben. Auch die linksausgerichteten Parteien sind vor Ort und nutzen diese große Fläche mehr für Eigenwerbung als für den eigentlichen Protest. Das Wetter frischt auf und die Laune in der Gruppe wird gut, als Musik ertönt. Ich stehe dabei mittendrin, auf der einen Seite kommt es mit nur kurzen Abständen immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und auf der anderen Seite feiern die Leute als wäre man bei einem Konzert. Wir gehen weg von der Absperrung, um eine Band spielen zu sehen. „So kommt zumindest keiner zu Schaden und trotzdem werden wir wahrgenommen“, findet Bella.

Imposanter Tross

Wir lesen auf unseren Handys von Verhaftungen und Verletzten bei den Blockaden in Deutz und am Schokoladenmuseum, während wir weiter den Rednern zuhören und auf den gemeinsamen Protestmarsch durch die Innenstadt warten. Ich sehe Bilder von dort und denke mir: „Das muss eine Parallelwelt sein. Oder sind wir hier in einer?“
Hendrik, ein weiterer Protestler und Antifa-Anhänger, erklärt mir: „Das ist der ‚Schwarze Block‘. Eine radikale Gruppierung. Die sind etwas gröber drauf.“ Diese Grobheit werde ich später noch kennenlernen, jedoch erst. nachdem ich mich wieder der Hauptbeschäftigung des Demonstrieren gewidmet habe: dem Warten.
Der Parteitag ist schon in vollem Gange als der Protestmarsch losgeht. Ich habe mir zu dieser Zeit schon Löcher in die Füße gestanden und freue mich auf die Bewegung. Doch der Andrang ist massiv. Ein imposanter Tross macht sich auf den Weg über den Neumarkt hin zum Friesenplatz und von dort aus am Dom vorbei zurück zum Heumarkt. Eine Strecke für die man normalerweise maximal eine halbe Stunde zu Fuß braucht. Die mehreren 10.000 Leute, die mitlaufen, übersteigen wohl die Erwartungen, sodass wir immer wieder stoppen und warten müssen. Es wirkt ein bisschen wie eine Public Viewing-Veranstaltung. Auf den Wagen der Organisationen läuft laute Musik und die Protestler stimmen zu Gesängen und Parolen an. „Es entsteht schon ein Wir-Gefühl, welches einen selbst auch nochmal selbstbewusster macht. Ich freue mich, bei allem Hass zu sehen, dass es Leute gibt, die auch für Toleranz, Vielfalt und Freiheit stehen“, sagt Bella. Auch ich lasse mich vom Wir-Gefühl leiten und klatsche mit, stimme gelegentlich auch in die Gesänge ein. So geht für mich friedliches Protestieren — auch wenn mir die Füße wehtun. Nach mehreren Stunden Protest mache ich eine kurze Pause und warte am Rand des Zuges, wobei ich erstmals auf den „Schwarzen Block“ treffe. Sehr viele vermummte Gesichter mit Sonnenbrillen und alle sind komplett in schwarz gekleidet. Auch wenn ich in diesem Moment im gleichen Protestzug stehe, läuft es mir etwas kalt den Rücken runter, als ich sehe, wie einer auf eine Laterne klettert, um ein CDU-Wahlplakat mit Gewalt abzureißen und in den Müll zu schmeißen. Auf dem weiteren Weg Richtung Dom sehe ich dann ein großes Loch im Fenster einer McDonalds-Filiale, vermutlich auch verursacht von Mitgliedern des „Schwarzen Blocks“. „Unschöne Szenen, die im Endeffekt den Gegnern in die Karten spielen“, sagt Lars.

Füße entspannen

Die Sonne kommt heraus, als wir den Dom erreichen. Es muss vor dem Tunnel wieder länger gewartet werden. „Nun ja, zumindest kann ich jetzt von mir behaupten, minutenlang mitten auf der Trankgasse zu sitzen, ohne überfahren zu werden“, denke ich. Ich bin schon sehr erschöpft und freue mich auf die Rückkehr zum Heumarkt. Doch die zahlreichen Zuschauer auf der Trankgasse, geben mir nochmal Kraft weiterzumachen. Viele machen Fotos, andere klatschen oder geben Zuspruch. Ein weiterer Beweis, nicht nur die Demonstranten, sondern die ganze Stadt gibt ein klares Statement ab und zeigt Flagge gegen Nationalismus, wie auch die Oberbürgermeisterin bestätigt. Hinter uns befindet sich eine Truppe Musiker, die tanzbare Rhythmen trommeln und sich im Tunnel nochmal klanglich voll entfalten. Mit der Trillerpfeife steige ich ein und es wirkt endgültig wie Karneval. Die Leute lachen, haben bemalte Schilder, Spaß und sind teilweise verkleidet. Mit diesem Gefühl kehren wir zurück zum Heumarkt und ich verabschiede mich von den anderen, um nach Hause zu gehen.
Ich lege mich erstmal aufs Bett und entspanne die Füße. Endlich, nach etwa neun Stunden. Am Abend schalte ich wieder die Nachrichten ein und sehe die gleichen Bilder von Krawallen zwischen Protestlern und Polizisten. Sie berichten von den Festnahmen und Verletzten. Die Befürchtungen vom Vortag habe ich nicht mehr, denn ich weiß, dass diese Bilder nicht die Regel, sondern nur eine traurige Ausnahme sind, und die meisten Demonstranten einfach nur gehört werden wollen. Diese Bilder kommen, jedoch oftmals leider zu kurz.

Fotos: Sebastian Huck & Hendrik Bode

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s