Die Kunden sind wie ein Kilo Kartoffeln

Unsere Autorin hat einen Tag auf dem Kölner St. Apostelnmarkt verbracht – eine Reportage

Von Kira Bayer

Es ist sieben Uhr morgens und trotz heißer Temperaturen in den Vortagen ist es frisch auf dem Kölner St. Apostelnmarkt. Eine kühle Brise pfeift leicht über die Planen der Marktstände hinweg und weht einen Hauch von vielen unterschiedlichen Aromen über den Platz. Mitten in der Kölner Innenstadt verleiht der St. Apostelnmarkt ein Gefühl von Landleben. Ein Gefühl von Zufriedenheit. Betritt man den Markt werden alle Sinne beansprucht. Bunte Stände, viele Geräusche und so viele verschiedene Gerüche, dass es schwer ist, diese zu definieren. Es riecht nach Blumen, nach frischem Obst, nach Käse und nach Gewürzen.
Der St. Apostelnmarkt befindet sich an der gleichnamigen Kirche gleich am Neumarkt. Zweimal wöchentlich kann der Kölner hier einkaufen. Jeden Dienstag und jeden Freitag von sieben bis vierzehn Uhr. Der Markt ist einer von insgesamt 66 Wochenmärkten in der Stadt am Dom. 18 Stände bieten hier ihre Waren an, darunter Fleisch, Gemüse, Obst, Blumen, Gewürze, Eier, Käse, Wein und Kräuter. Außerdem gibt es eine kleine, gemütliche Kaffeebude – diese ist für einige Bürger mittlerweile ein etablierter Treffpunkt im Veedel.

Indivudell und Familiär

Einer der Kultstände auf diesem Markt ist der Obst und Gemüsestand der Gärtnerei Peters. Seit 1956 ist der Familienbetrieb ein fester Bestandteil des Marktes. Besitzerin Martina Frason erzählt von den Anfängen: „Meine Eltern wechselten in den 50er Jahren vom Altermarkt auf den St. Apostelnmarkt. Nach meinem Abitur 1984 fuhren mein Mann Thomas und ich dann regelmäßig mit zum Wochenmarkt.“ Auf die Frage, was die Familie seit fast 70 Jahren auf dem Markt hält antwortet sie: „Es ist ein vergleichsweise sehr kleiner Markt. Somit ist alles sehr individuell und vor allem super familiär.“ Wäre Martina Frason in der Position der Kunden würde sie sich ebenfalls diesen Markt für den täglichen Wocheneinkauf aussuchen, betont sie.
Mittlerweile bedienen am Stand immer mindestens sechs Mitarbeiter, darunter oft ihr ältester Sohn Felix. Der 24-jährige Student hilft aus wann immer er kann. Neben Obst und Gemüse werden hier auch Eier und Fleisch von ihren eigenen Hühnern angeboten. „Viele Kunden finden es toll, dass sie unsere Tiere jederzeit auf dem Hof besuchen können, ohne dabei einen Schock zu bekommen. Mittlerweile achten immer mehr Menschen auf Kriterien wie Regionalität und eine angemessene Tierhaltung“, berichtet die Geschäftsfrau.

Sechs Eier – davon die Größten

Dadurch, dass seit Jahrzenten dieselben Händler auf dem Markt stünden, sei ein Vertrauensverhältnis zwischen Verkäufer und Kunde garantiert. Viele der Kunden kämen bereits seit Generationen zum Einkaufen auf den St. Apostelnmarkt. Besonders
begeistert Frason allerdings die Vielfalt der Kundschaft. „Ich glaube, es gibt kaum einen Typ Mensch, den ich hier auf dem Markt noch nicht getroffen habe. Uns besuchen Studenten und Professoren sowie Rentner und Firmenbosse.“ Als Verkäuferin auf dem Markt sei man nicht nur Bedienung, sondern gleichzeitig Seelsorgerin und Freundin und über viele Kunden wisse sie mehr als von ihren engsten Freunden. „Man kennt sich auf der einen Seite sehr gut, ist auf der anderen Seite allerdings immer noch weit voneinander entfernt“, sagt Frason. Bis dahin hört es sich an, als wäre der wöchentliche Markt für die Familie das reinste Vergnügen, doch ganz so ist es nicht. All die Arbeit, die vor und nach dem Markt ansteht, sieht der Kunde nicht. „Vor dem Verkaufen fällt die meiste Arbeit an. Dann heißt es, das vorher geerntete Obst und Gemüse auf Paletten zu packen und aufzubereiten. Freitags morgens um viertel vor sechs rollt der Lkw dann auf den Marktplatz und gegen 16 Uhr treffen wir zuhause ein. Danach muss die übrig gebliebene Ware natürlich wieder angemessen verstaut werden.“ Auch so mancher Kunde mache einem zu schaffen. „Mittlerweile kann ich über fast alles lachen. Einer unserer Stammkunden bestellt zum Beispiel immer sechs kleine Eier – aber davon bitte die Größten“, erzählt sie lachend. Ihre Stammkunden kenne Frason inzwischen in und auswendig und die meisten kann sie gut leiden. Den ein oder anderen Ausnahmefall gibt es auch verrät sie: „Es ist leider nicht immer möglich, genau 500 Gramm oder genau ein Kilo abzuwiegen. Dafür müsste ich die Möhren oder Kartoffeln dann schon durchschneiden. Das versteht aber nicht jeder.“ Auch so mancher Prominente besucht den Kultstand regelmäßig, Namen will sie jedoch nicht verraten – Diskretion gehe schließlich vor.

Auch Mitarbeiter Paul Haase fühlt sich sehr wohl am Stand der Gärtnerei Peters. Seit 2001 arbeitet der 64-Jährige nun schon für die Familie Frason. Der Stand ist für ihn etwas
ganz Besonderes. „Ich mag es, dass wir so viele Stammkunden haben. Die meisten kenne ich nun schon mehr als 15 Jahre. Außerdem ist hier vieles aus eigenem Anbau, das
ist selten. Die Stimmung zwischen uns Verkäufern und Verkäuferrinnen rundet alles noch ab.“ Am liebsten mag er die zentrale Lage des Marktes mitten in Köln und die vielen unterschiedlichen Stände. Die Kundschaft beschreibt Haase wie folgt: „Die Kunden sind ähnlich wie ein Kilo Kartoffeln. Im Großen und Ganzen ordentlich, es kann aber auch schon einmal eine schlechte dabei sein.“

Für einen Quadratmeter etwa zwei Euro

Ein Standplatz auf dem St. Apostelnmarkt ist schwer zu bekommen. Interessierte Unternehmer müssen sich auf einer Warteliste des Kölner Marktamtes eintragen. Ein Platz wird jedoch nur frei, wenn sich einer der alteingesessenen Händler dazu entscheidet, seinen Platz aufzugeben. Dies kommt allerdings meist nur im Falle des Ruhestandes vor. Für einen Quadratmeter Stand zahlen die Händler etwa zwei Euro. Für diese Lage sind die Kosten vergleichsweise güstig, in vielen andere Städten wird fast doppelt so viel für die Standmiete verlangt.
Schlendert man auf dem Marktplatz noch ein Stück weiter, an Metzger-, Käse- und Gewürzständen vorbei, läuft man auf eine farbige Blumenpracht zu. Im Jahr 1965 begann für „Blumen Heiner“ das Marktleben. Seit 1999 steht Inhaber René Kreuels auf dem St. Apostelnmarkt und verkauft dort seine Pflanzen und Topfkräuter. Unterstützt wird er dabei von zwei bis vier Mitarbeitern. Auch nach fast 20 Jahren kann er dem Markt nur Gutes abgewinnen: „Die ganze Atmosphäre unter den Händlern ist einfach super. Wie eine große Familie. Außerdem ist die Kulisse unter den Bäumen toll.“ Die Kundschaft des Standes besteht überwiegend aus treuen Stammkunden. Neben dem Marktstand betreibt die Familie ein Blumengeschäft in Düsseldorf-Hamm und versorgt auch noch andere Wochenmärkte mit ihren stets frischen Blumen. Seit 2013 ist Kreuels offizieller Firmeninhaber in dritter Generation.

Zwischen all den Obst- und Gemüseständen und Blumenhändlern befindet sich eine kleine, urige Kaffeebude. Gleich daneben singt ein Straßenkünstler Songs aus den 80er Jahren. Ulrike Mohr ist bereits seit mehr als 25 Jahren Kundin des Marktes. Die 64-jährige Kölnerin schätzt insbesondere die Kundennähe und die Beratung. „Geht man heute in einen ganz normalen Supermarkt, weiß man als Kunde nicht, woher die Lebensmittel kommen und meistens wissen das nicht einmal die Mitarbeiter. Hier auf dem Markt weiß ich ganz genau, woher die Ware kommt – das ist mir wichtig.“ Mohr kauft nicht nur Obst und Gemüse bei den Händlern des St. Apostelnmarkt, sondern auch  Käse, Gewürze und Fleisch. „Hier auf dem Markt gibt es fast alles, was man braucht. Neben den üblichen Sachen findet man auch Tee, Schokolade, Nüsse und Joghurt. Die Auswahl ist fantastisch“, erzählt sie. Selbst ihre Tochter gehe mittlerweile auf dem Markt einkaufen. Händler wie Familie Frason oder „Blumen Heiner“ machen den St. Apostelnmarkt zu einem Ort für Familien und für Generationen.

Fotos: Kira Bayer (2) und privat (2)

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