Das Büdchen mit Stil

Eine junge Truppe Studenten jongliert in Sülz zwischen Jugendzentrum und Bar. Sie füllen einmal in der Woche die Hallen des AStA mit entspannter Atomsphäre und coolen Getränken – eine Reportage.

Von Sebastian Huck

Simon Bach (29) hat am Ende eines langen Abends immer noch ein Lächeln auf den Lippen. Während die letzten Gäste noch gemütlich ihr Getränk leeren, fängt er schon an, Getränkekisten wegzuräumen und den Tresen zu säubern. Die weiteren Mitarbeiter sitzen gemeinsam am Tisch und spielen Karten. Es erinnert ein bisschen an Geburtstagsfeiern von Freunden, die für einen Abend das örtliche Jugendzentrum angemietet haben. Jeder, der schon einmal so eine Party geschmissen hat, weiß, wie anstrengend sie ist. Wieviel Getränke plane ich ein? Wo lagere ich die? Was mache ich mit dem Übriggebliebenen? Alles Fragen, mit denen man sich beschäftigen muss und die dazu führen, dass die meisten froh sind, so etwas nur einmal im Jahr zu machen – wenn überhaupt. Simon Bach und das Team der AStA- Bar (Allgemeiner Studierendenausschuss)  jedoch veranstalten genau das – 52 Wochen im Jahr jeden Dienstag – und komplett ehrenamtlich. Dabei schaffen sie es auch noch, Studium und andere Jobs unter einen Hut zu bringen. Und das alles immer mit viel Spaß und einem Lächeln.

Zu teure Büdchen

Vor zwei Jahren kam Simon mit seiner Kommilitonin Anna Lengert (22) und einem weiteren Freund auf die Idee für die Bar. „Uns fiel auf, dass es für Studenten keinen Ort gibt, um günstig unter Leute zu gehen und gemütlich etwas zu trinken. Die Preise bei den Büdchen in unserem Umfeld fanden wir auf Dauer auch zu teuer. Wir haben daraufhin das Konzept entwickelt, ohne Gewinnabsicht“, erzählt Simon. Mit diesem Konzept sind sie dann zum AStA der Uni Köln gegangen. „Unter anderem dafür gibt es ja den AStA, damit auch junge studentische Projekte unterstützt werden. Dank ihm dürfen wir auch diese Räumlichkeiten mietfrei nutzen, was uns weitere Kosten spart“, führt er fort.
Er erzählt das alles ganz entspannt, denn mittlerweile läuft die Bar wie von selbst. Die Gäste sind größtenteils Bekannte und Freunde des Teams, trotzdem wird jeder mit voller Professionalität bedient. Für den BWL-Studenten ist es nämlich mehr als ein Studienprojekt, ist er doch bereits in einer anderen Bar tätig und möchte in der Gastronomie seine Ideen beruflich umsetzen. „Die Bar ist auch genau das, was studentische Initiativprojekte bezwecken sollen. Wir haben hier Spaß an der Gastronomie und können uns ausprobieren und experimentieren. Darum haben wir ja auch unsere Specials“, so Simon weiter.

Selbstgemachter Limoncello

Ein Aushängeschild ist dabei das Cocktail-Special, wofür das Team vorher jedes Mal eigene Kreationen entwickelt und diese Cocktails mit Klassikern zusammen auf die Abendkarte setzt, wobei sie nicht auf frische Zutaten verzichten möchten. „An sich ist das natürlich teuer, wenn ich immer auf frischen Limettensaft zurückgreife oder frische Orangen auspresse, aber andererseits sparen wir auch wieder Kosten, weil wir alles nicht am Ende des Abends wegschmeißen. Die ungenutzten Orangen trockne ich einfach oder aus den Zitronen mache ich einen eigenen Limoncello, womit wir auch wieder nette Zusätze für die Karte haben“, schildert der Betreiber. Auch Mexikaner oder Rhabarberschnaps – in der AStA-Bar ist nichts 08/15 und in erster Linie haben sich die Betreiber bei den Cocktails und Shots am eigenen Geschmack orientiert. Das bietet den weiteren Vorteil der Nachhaltigkeit. Grundsätzlich geht jeder verdiente Euro wieder zurück in die Bar. Vorgabe vom AStA ist dabei nur, die schwarze Null zu halten und die Unterstützung zurückzuzahlen, sodass alles, was darüber hinausgeht, in die Bar gesteckt werden kann. Dadurch konnte das Team bereits eine richtige Theke kaufen und eben auch bessere Produkte für die frisch produzierten Drinks bezahlen. Auf der anderen Seite muss die Kundschaft, die sich hauptsächlich aus Studenten zusammensetzt, gelegentlich auch Abstriche machen. Wenn etwas für den Abend ausverkauft ist, fällt es weg und wiederum Getränke, die bei der letzten Veranstaltungen nicht so gut liefen, werden beim nächsten Abend mehr beworben. So bleiben die Bestände immer klein.
Auch an diesem Abend lockt ein Special die Gäste. Teammitglied Tristan Berghaus (20) Jahre alt, ist dafür extra bis nach Frankreich gefahren, um verschiedene Weine im Namen des Teams zu probieren. „Wir haben da eine Kooperation mit dem Kölner Weinhaus Süd, die liefern uns immer zum Special sechs Kisten Wein, sodass wir den Gästen auch eine Auswahl für kleines Geld bieten“, erklärt Tristan. Ihm macht es auch Spaß, wenn er im Namen des Projekts unterwegs ist. Das bietet auch einige Vorteile für ihn. „Bei den Weinproben haben sie teilweise richtig teure Tropfen ausgepackt, nachdem ich sagte, ich komme im Auftrag einer Bar. So was hätte ich sonst nie probieren dürfen“, erzählt er stolz.

Gesellschaftsspiele zum Drink
Generell beruhen die wirklich erschwinglichen Preise (Bier gibt es für einen Euro; ein Glas Wein für 1,50 Euro) auf diversen Kooperationen. Glücklicherweise hatten Simon und Anna in der Gründungsphase schon ein paar Verbindungen in die Gastronomie. Simon: „Die Kölner Privatbrauerei Früh hat uns die Kühlschränke kostenlos gegeben und im Gegenzug servieren wir als Kölsch ausschließlich Früh. Anders wäre unsere Idee gar nicht umzusetzen gewesen. Dann kam eins zum anderen und manche Getränke kaufen wir einfach ganz normal in großen Mengen ein, und dennoch können wir billig verkaufen, weil wir ja keinen Gewinn machen müssen.“
Bei dieser einen Kooperation mit Früh blieb es nicht. Denn die Bar soll neben den günstigen Preisen auch Raum für Veranstaltungen sein, sowohl von anderen Studierenden als auch von externen Projekten. So reicht die Reihe an Events von der Gehörlosen-Initiative „Café ohne Worte“ bis hin zum Spielehersteller Ravensburger, der an einem eigenen Abend brandneue Brettspiele vorstellte. Bis heute können die Gäste sich diese nehmen und neben dem eigentlichen Barbetrieb auch noch bei einem lustigen Gesellschaftsspiel den Tag ausklingen lassen. Und auch das Team nutzt dies gelegentlich. „Die Gruppe besteht insgesamt aus acht Leuten, für den Abend selbst sind wir aber zu fünft. Da passiert das auch mal, dass nicht so viel zu tun ist und wir wollen bei dem Ganzen ja auch selbst Spaß haben, weshalb wir uns auch mal ein Getränk nehmen und uns mit den Gästen unterhalten“, erläutert Simon, während er mit Anna und weiteren Mitgliedern und Gästen am Tisch sitzt und Karten spielt. In der Spitze waren in der Vergangenheit mehr als 100 Gäste in der Bar. „Wir müssen dann auch den Ausschank einstellen, bis wieder weniger Leute in der Bar sind“, findet Simon.
Fernab von Hochschulpolitik
An diesem Abend ist es mit 25 bis 30 Gästen eher ruhig. Der 29-jährige Barkeeper weiß, dass es immer stressige Lernphasen für Studenten gibt, in denen der Kneipenbesuch ausbleibt. Dennoch hindert es die Barbetreiber nicht daran, möglichst das ganze Jahr über zu öffnen, ohne sich dabei auf die Semester zu begrenzen. „Jemand, der mit aufmachen kann, fand sich bisher immer. Wenn einmal einer von uns viel zu tun hat, dann springt ein Anderer ein“, erläutert Anna. Generell ist das Team offen für neue Leute, die Lust darauf haben, neben dem Studium in einem Projekt zu wirken. Einem weiterem Mitglied, dem 20-jährige Maurice Weber, gefällt am Projekt besonders, dass es fernab von Hochschulpolitik stattfindet und einfach alle zusammenkommen können. Deshalb ist er seit 2016 dabei.
Die letzten Gäste tanzen noch zur Musik, als das Team langsam klar Schiff macht, sie wollen auch nach Hause, müssen alle den nächsten Morgen wieder in ihre Vorlesungen oder Seminare. Das Einzige, das von so einem Abend bleibt, ist das geringe Trinkgeld, das sie erhalten. Expandieren und häufiger öffnen wollen die Studenten nicht, obwohl die Nachfrage bestehen würde. Dafür fehlt ihnen einfach die Zeit. Die umliegende Konkurrenz kann aufatmen. Denn auch wenn es in der AStA-Bar manchmal wirkt wie im örtlichen Jugendzentrum, sie hat eine beachtliche Qualität und sich längst emanzipiert: Vom studentischen Initiativprojekt hin zu einem wöchentlichen Event für Jedermann. Auch das Stadtmagazin Prinz honorierte das Projekt mit einer Erwähnung und das können die vielen Büdchen in Köln nicht von sich behaupten.

Fotos: Sebastian Huck

Weitere Infos unter: www.facebook.com/astabar.cologne

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