Ein Stück Subkultur verschwindet

Köln ist um einen legendären Ort ärmer: Am Freitagabend fand zum letzten Mal eine Party im Ehrenfelder Club „Underground“ statt. In den kommenden Monaten werden die Gebäude an der Vogelsanger Straße abgerissen, damit auf dem Areal eine Schule entstehen kann. Den 30. Geburtstag des Clubs konnten der Betreiber und Fans der Location nicht mehr feiern. Eine Reportage über die Abrissfeier.

 

Von Anne Wildermann

Die Tanzfläche ist proppenvoll. Die Wände, die mit Spiegeln verkleidet sind, beschlagen. Die Luft, ein Gemisch aus Zigarettenrauch, Schweiß, Marihuana und verschüttetem Bier, ist zum Schneiden dick. Doch niemanden stört das. Die Partygäste tanzen weiterhin ausgelassen und voller Hingabe zu harten Gitarrenriffs, Bass- und Drumtönen. Männer mit langen Haaren, zotteligen Bärten und Band-T-Shirts von „Korn“ und „Broilers“ pogen auf der Tanzfläche wild durcheinander, schütteln sich gegenseitig durch, schubsen sich, fallen hin und helfen sich gegenseitig wieder auf die Beine.
Es ist der letzte Abend an dem Punk- und Rockmusik wie die von den Ärzten, Audioslave, Foo Figters, Deftones und den Beatsteaks durch die Boxen dröhnen, den Boden zum Vibrieren bringen und die Gäste in eine Art Ekstase versetzen. Nach diesem Freitagabend wird der Kölner Club „Underground“ in Ehrenfeld an der Vogelsanger Straße für immer sein blaues Gittertor schließen.
Der Grund: In den nächsten Monaten sollen der Club und die angrenzenden Gebäude abgerissen werden, weil eine Grundschule auf dem Areal entsteht. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtet und der Club-Betreiber auf der Homepage verkündet, haben fast drei Jahrzehnte Menschen unterschiedlichen Alters in den bemalten, teilweise versifften und verranzten Räumen zu Konzerten und Partyabenden gerockt, getrunken und gequatscht. Oder bei gutem Wetter draußen auf Bierbänken im Innenhof gesessen und den Sommer genossen. Mit dem Aus des „Undergrounds“ verschwindet ein weiteres Stück Subkultur aus der Stadt.

Eisenpimmel

Die Schlange vor dem Club ist lang. Sehr lang. Sicherheitskräfte, große und bullige Typen, kontrollieren den Einlass und sorgen dafür, dass das Anstehen bis zu einer Stunde dauern kann. Die meisten Gäste stört das nicht. Sie halten noch ihr Weg-Bier in den Händen, rauchen eine Zigarette nach der anderen, quatschen mit ihrer Clique oder knüpfen Kontakt mit den Leute vor oder hinten ihnen. Das gilt auch für Markus. Er ist mit seinem glatzköpfigen Kumpel aus Hamminkeln angereist, um die letzte Party im „Underground“ zu erleben. Vielleicht wird er später seinen Enkelkindern von diesem legendären Abend berichten. „Wir waren auf einem Konzert von ‚Eisenpimmel’“, lallt Markus und grinst. Er blickt sich um. Ein Mädchen mit roten Haaren, die mit ihrem Freund ansteht, lächelt. Aber ihr Blick verrät, dass sie noch nie etwas von dieser Band mit dem schrägen Namen gehört hat. Eine Freundin des Paares blickt Markus ebenfalls ungläubig an und runzelt die Stirn. Nur der Freund der Rothaarigen nickt und outet sich als Wissender. „Also, ich will dir ja nicht in den Champagner pissen, aber das ist wirklich eine Wissenslücke“, lallt Markus weiter und blickt von unten zu der Freundin des Paares herauf. Markus‘ Liebe zu Punk- und Rockmusik scheint größer als er selbst. Für einen Mann, der zwischen Anfang und Mitte 30 ist, ist er klein – maximal 1,70 Meter. Er zieht einige Sticker aus seiner schwarzen Jacke, deren Innenfutterstoff rot-kariert im schummrigen Licht der Straßenlaternen aufleuchtet. Auf seinem Kopf trägt er eine schwarze Schiebermütze.
Die Sticker fallen Markus aus der Hand. Sein Koordinationsvermögen ist wegen seines Alkoholpegels stark eingeschränkt. Mit ungelenken Bewerbungen bückt er sich und klaubt die Aufkleber vom dreckigen und mit Glasscherben bestückten Asphalt wieder auf und stopft sie zurück in die Jackentaschen.

Kölsch trinken

„Wieso trinkt ihr eigentlich nichts hier in Köln“, ruft er und blickt sich um. Hinter ihm stehen zwei Typen, die ihre Bierflaschen wie zum Gegenbeweis heben und ihm zuprosten. „Und ihr? Was ist mir euch“, fragt er und dreht sich zu dem Dreier-Grüppchen. Das Paar hat sein Bier bereits ausgetrunken und die Flaschen einem Sammler in die Hand gedrückt, der mit großen, schweren und überfüllten Tüten in einer Ecke kauert und seinen Glasschatz bewacht. Nur mit Mühe kann er die eine oder andere Flasche, die ihm gereicht wird, in den Plastiktüten verstauen. Die Freundin des Paares wehrt ab. „Ich trinke etwas, wenn ich drinnen bin“, antwortet sie. Markus wirkt enttäuscht. „Kölsch ist nicht so mein Ding“, sagt sie und wirkt leicht genervt. Die zwei Kerle, die an ihrer Bierflasche nuckeln, empören sich. Sie kommen schließlich aus Köln und da gehöre es auch dazu, dass man Kölsch trinke.
„Wirklich? Und warum trinkt ihr kein Kölsch?“, fragt die Freundin des Paares und zeigt auf eine braune Flasche, deren Etikett schon halb abgeknibbelt ist. „Weil ich meinen Kumpel zum Kiosk geschickt habe und das Pils das einzige Bier war, das im Kühlschrank stand“, erklärt der Typ, der einen blonden Bart wie ein Ziegenbock hat.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen ebenfalls viele Leute. Sie schauen sich Menschen in der Schlange an, warten, trinken oder plaudern. An diesem Abend geht es scheinbar nicht darum, ein letztes Mal in den Club rein zu kommen oder dort zu tanzen, sondern vielmehr Teil der Masse zu sein, der am letzten Abend dabei ist, der im Freundeskreis mitreden oder sogar angeben kann. Dabei ist es egal, ob man vor dem Club steht, in der Schlange wartet oder auf dem Bürgersteig gegenüber rumhängt. Dabei sein ist alles.

Kantiges Gesicht

Hier und da rufen Leute Namen über die Straße oder im Vorbeigehen. Hier und da gibt es auch Reaktionen, ein Grüßen, ein „Hallo“, ein „Hey, wie geht’s?“, ein kurzes Verweilen und Plaudern. Dennis gehört auch zu den Leuten, die gefühlt die halbe Club-Szene Kölns kennen. Er schlendert in entspannter Manier über die Straße – mit seinem Kumpel im Schlepptau. Er trägt eine kurze Hose, Turnschuhe, eine Zipperjacke und einen großen Rucksack auf dem Rücken, den er absichtlich tiefer geschnallt hat. Ein Mädel, klein, schlank, lange, blonde Haare, hat Dennis vom Weiten erkannt und ihn zu sich gerufen. Dennis folgt der Aufforderung und umarmt das Mädel kurz zur Begrüßung. Obwohl sie sich mit ihm unterhält, schaut er mit seinem kantigen Gesicht über sie hinweg und lässt seine Blicke über die übrigen Menschen schweifen. Vielleicht steht der eine oder andere Bekannte in der Schlange oder auf Straße, den er kennt und den er nicht verpassen will. Seine Gefühl täuscht ihn nicht. Nachdem er die Blondine in der Schlange zurück lässt und sich den Weg auf die Straße frei rempelt, brüllt ein Kerl von der anderen Bürgersteigseite seinen Namen. Dennis hält kurz inne, um den Ruf zu lokalisieren. Er dreht sich um und sieht wie ein rechter Arm in die Luft schnellt. In der Hand hält der Rufende eine Bierflasche. Dennis nickt ihm zu, lächelt unterkühlt und geht weiter, sein Kumpel trottet ihm hinterher.
Dennis gehört zu den Typen, die so cool sind, dass es hinter ihnen schneit, und deswegen einen Stich bei Frauen haben. Vermutlich zählt er zu denjenigen, die das „Underground“ zu dem Club gemacht haben, was er Jahrzehnte lang war: Ein Treffpunkt für Alternative, Retros, Linke, Rocker, Punks und letztlich solche, die Markus aus Hamminkeln als „Trend-Menschen“ bezeichnet. Vermutlich meint er „Hipster“, aber der Alkohol lässt an diesem Abend keinen klaren Satz mehr über seine Lippen kommen.
Der Freund der Rothaarigen, der an diesem Abend in seinen Geburtstag reinfeiert, ist sich sicher: „Es gibt keinen anderen Club in dieser Stadt, der den Song ‚Antifacista‘ von ZSK spielt“, brüllt er, während der Refrain durch die Boxen dröhnt. Die tanzende Menge streckt die Hände wie auf Kommando zur Decke streckt und ruft „Alerta, alerta“.

Weitere Infos unter: www.underground-cologne.de und www.facebook.com/undergroundcologne

Fotos: Anne Wildermann

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