Ein Esstisch für homosexuelle Flüchtlinge

Hendrik Bode, Autor von stories.koeln, war einen Tag im Kölner Jugendzentrum „Anyway“ zu Gast, wo sich Betroffene zum Kochen, Essen, Trinken und Quatschen treffen. Das Ganze nennt sich „Sofra“-Treff.

Überall vernebeln Rauch und Dampf die Sicht, ein beißender Geruch liegt in der Nase. Die Augen tränen. Von links und rechts, von vorne und von hinten hört man Menschen rufen. Das meiste davon hört sich Arabisch an. Zwei Gestalten stürmen nach draußen in die Kälte. Sie halten es hier drin nicht mehr aus. Auch eine Deutsche ist betroffen. Wenn man sie anspricht, so antwortet sie nur: „Gut, danke. Und selbst?“ Allerdings muss auch sie zugeben, dass nur die besten Köche beim Zwiebelschneiden nicht weinen müssen. Heute gibt es Hummus mit Mutabbal und Taboulé, typisch libanesische Küche. Und wer es noch nicht gemerkt hat: Das hier ist nicht das Szenario eines Anschlags, sondern „Sofra“ (auf Arabisch für Esstisch). Der Treff für LGBT- (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) Flüchtlinge im Kölner „Anyway“.

Hier können sich seit etwa einem halben Jahr Menschen jedweder Couleur treffen, sich über ihre Erfahrungen austauschen, gegenseitig Tipps geben, zusammen kochen, essen, trinken, tanzen und Spaß haben. Der „Sofra“-Treff ist eine Veranstaltung der Initiative „Rainbow Refugees Cologne“, diese Willkomensinitiative wurde von Ina Wolff und ein paar anderen für queere Flüchtlinge gegründet. Der „Sofra“-Treff selbst wurde von  Ibrahim Mokhdad, der sich bei „Rainbow Refugees Cologne“ engagierten ins Leben gerufen. Ibrahim ist selbst von Anfeindungen, Bedrohungen und Gewalt gegenüber Schwulen betroffen, die es in vielen arabischen Ländern, den Hauptherkunftsstaaten der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, gibt. „Ich war in Gefahr, wurde verfolgt und manche Menschen versuchten mich zu töten, deshalb bin ich nach Deutschland gekommen“, erzählt er. Dabei ist Ibrahim leider kein Einzelfall. Hassan, der seit etwa einem halben Jahr in Köln lebt und vorher bereits ein weiteres Dreivierteljahr durch die Balkanstaaten und Europa gereist ist, erzählt, dass er kurz bevor er sich zu seiner Flucht entschlossen habe, von mehreren Männern in eine Ecke gezerrt, beleidigt, zusammengeschlagen und liegengelassen wurde. Das alles aufgrund seiner Sexualität. Und auch Ina, die Gründerin von „Rainbow Refugees Cologne“, kann von den Schilderungen anderer queerer Flüchtlinge berichten: „Zum Beispiel eine Transfrau aus Somalia, die an der Brust verbrüht worden ist. Wir haben einen Geflüchteten, der in einem Heim angegriffen wurde. In seiner Heimat wurde er auf der Polizeistation vergewaltigt, festgehalten und misshandelt und das mehrere Tage lang. Sieben seiner homosexuellen Freunde wurden umgebracht. Das sind sehr heftige Geschichten. Wir haben Leute, die werden von ihren eigenen Familienangehörigen mit dem Tod bedroht oder wurden von ihnen misshandelt. Wir haben einen Geflüchteten aus Bangladesch, der kam über über Menschenrechtsorganisation Amnesty International nach Deutschland. Er war ein ganz bekannter Blogger und politischer Aktivist, dessen Freund wurde umgebracht und dann zerstückelt, daher bestand für ihn auch Lebensgefahr. Er ist einer der rühmlichen Einzelfälle von politischen Aktivisten, die es zum Glück hierhergeschafft haben.“

Gleichgeschlechtlicher Verkehr ist illegal


Homosexuelle Menschen fliehen deshalb vor Gewalt, weil ihnen die Herkunftsstaaten nicht helfen und keinen Schutz gewähren. In den meisten Ländern erlegt der Staat selbst Strafen auf, wenn es sich um Homosexualität handelt. Die drei Hauptherkunftsstaaten von Geflüchteten im Jahr 2016 sind Syrien, Afghanistan und der Irak. Dort heißt es: In Syrien ist gleichgeschlechtlicher Verkehr illegal und tabuisiert. Die laut Gesetz „widernatürliche Praktik“ wird mindestens mit einem Bußgeld und bis zu drei Jahren Haft belegt. Noch schlimmer geht es LGBTs in Afghanistan. So wurden zur Zeit der Taliban schwule Männer reihenweise hingerichtet. Zwar hat sich die Strafe für Homosexualität im Laufe der Zeit gemildert, doch Haftstrafen zwischen fünf und fünfzehn Jahren sind immer noch keine Seltenheit.
Menschenverachtend sind auch die diesbezüglich Gesetze im Irak. Hier droht queeren Menschen eine Gefängnisstrafe von bis zu sieben Jahren – oder sogar der Tod.

Inzwischen ist das Essen fertig und die 40 bis 50 Gäste setzen sich an die vielen Tische im „Anyway“. Die Musik ist immer noch sehr laut. Eigentlich sogar viel zu laut, zumindest, wenn man sich unterhalten will. Hier und da ein geschäftiges Treiben. Sechs Menschen drängen sich in der sehr kleinen Küche, weitere 20 sitzen auf der erhöhten Ebene mit offener Treppe in der Sitzecke und unterhalten sich. Der Rest verteilt sich im Rest des großen Raumes, an den Tischen, in den Ecken, draußen beim Rauchen, quatscht, spielt Karten oder Brettspiele oder tauscht sich über Erfahrung mit dem deutschen Asylverfahren, Behördendeutsch und Schwierigkeiten beim Behördengängen aus. Einer der Gäste, Ahmed, erzählt, dass er sich anfangs überhaupt nicht in der deutschen Behördenstruktur zurechtgefunden habe. Die Sozialarbeiter in der Unterkunft, in der er untergebracht war, sprachen entweder gar nicht oder nur teilweise seine Sprache, er selbst konnte kein Deutsch und nur bruchstückhaft Englisch. So war die Verständigung schwer. Er hat einige Monate in der Unterkunft verbracht, ohne überhaupt zu wissen, wen er für welches Anliegen kontaktieren müsse. Über einen Mitgeflüchteten hat er dann Ibrahim kennengelernt und hat somit Kontakt zum „Sofra“-Treff gefunden, sich von anderen Engagierten helfen lassen und kommt mittlerweile gut alleine klar. „Weil ich mich jetzt auskenne, kann ich auch anderen Flüchtlingen bei der Orientierung helfen“, sagt er auf Englisch. Mit „Tschüss, einen schönen Tag“, verabschiedet er sich auf Deutsch und mit einem breiten Grinsen.

Nicht gewohnt, Sexualität auszuleben


Die 40 bis 50 verschiedenen Personen, die im „Anyway“ sind, sind längst nicht alle queeren Flüchtlinge in Köln. Jede Woche kommen etwa zehn neue Gesichter zu Ibrahim und Ina, um sich zu treffen und zu informieren, denn der Infoblock ist ein fester und wichtiger Bestandteil bei „Sofra“. Allerdings gibt es allein in der Domstadt noch weitaus mehr schwule, lesbische, bi-, trans- oder intersexuelle Flüchtlinge, als diejenigen, die zu einer der Veranstaltungen von „Rainbow Refugees Cologne“ kommen. „Valide Untersuchungen gibt es natürlich nicht darüber, aber wenn man sagt, in Köln leben 13.000 Geflüchtete, kann man schon sagen, dass mindestens von denen 1.000 homo-, bi- oder transsexuell sind“, bilanziert Ina.
Viele der anwesenden Menschen bei „Sofra“ kennen nur die Angst vor Verfolgung und Gewalt, sie sind es nicht gewohnt, ihre Sexualität und Identität offen ausleben zu können.  Ibrahim berichtet von seinem Weg nach Köln: „Zuerst habe ich ein Ticket in die Türkei gebucht. Dort habe ich einen Schmuggler getroffen, der mich auf eine Insel im Meer brachte. Dann kamen wir in die Balkanstaaten, von wo aus wir nach Deutschland gelangten. Aber ich möchte erwähnen, dass ich eigentlich nicht vorhatte, nach Deutschland zu kommen, sondern nach Holland wollte. Aber als ich in Deutschland eintraf, war ich in einem schlechten medizinischen Zustand und musste für drei Tage im Krankenhaus bleiben. Währenddessen habe ich eine nette Ärztin getroffen, die mir erklärte, Köln sei eine schwulen-freundliche Stadt und ich könne hierbleiben. Und als ich ihre Worte hörte ‚It’s okay to be gay here‘, beschloss ich, hier zu bleiben.“

Hass-E-Mails und Morddrohungen

Jedoch nicht jeder Deutsche heißt Menschen aus anderen Ländern willkommen so wie die Kölner Initiativen, Übergriffe wie in Freital oder Heidenau belegen das. Und auch in Köln gibt es einige Bürger, die gegen die Willkommensarbeit sind. „Einzelne Mitglieder von unserer Gruppierung und auch Geflüchtete haben Hass-E-Mails bekommen und Drohungen, dass man uns töten wolle“, sagt Ina. „Wir geben uns da gegenseitig Unterstützung und versuchen uns so gut es geht, gegenseitig zu schützen“. Und bisher ist es zumindest in Köln, soweit Ina und Ibrahim wissen, noch zu keinen gewaltsamen Übergriffen gekommen. Wahrscheinlich auch, weil die Gay-Community in Köln rund um die Schaafenstraße und dem „Christopher Street Day“ sehr groß ist. „Wir bekommen viele Spenden und viele Hilfsangebote. Wir haben eine exzellente Pressearbeit, womit wir die Leute auch in den verschiedenen Szenemagazinen informieren.“ Dennoch räumt Ina ein: „Wir haben natürlich auch das Gegenteil, dass viele Leute, zum Beispiel auch Wirte, Geflüchtete nicht in die Bars reinlassen, weil sie die Betroffenen mit den kriminellen Gangs aus Osteuropa oder aus Marokko gleichsetzen, die halt gerne Handys klauen. Das ist wirklich ein Problem.“
Für die Asylsuchenden und -bekommenden im „Anyway“ ist Homophobie – zumindest in Köln – nicht spürbar. Sie lassen sich Hummus, Mutabbal und Taboulé schmecken. Dampf und Rauch sind verflogen, die Augen der Köche tränen noch immer. Einige der Anwesenden haben eine Zukunft in Deutschland. Von anderen muss man sich schon bald wieder verabschieden, weil sie abgeschoben werden. Sie gehen zurück in die Länder, in denen Homophobie an der Tagesordnung steht.

Weitere Infos zu Anyway und Sofra

Foto: Picjumbo

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