Der ausgelagerte Kleiderschrank

Die „Kleiderei“ in Köln-Ehrenfeld ist kein gewöhnlicher Second-Hand-Laden.
Ausborgen ist der neue Trend

Von Anne Wildermann

Eine ältere Frau trägt mit ihrem Mann große Kisten und Schuhkartons in den Laden an der Venloer Straße 459 in Köln-Ehrenfeld. Die zwei bringen Nachschub für die Regale und Kleiderständer der „Kleiderei“ – ein Second-Hand-Laden, der seit Mai 2016 von der Modedesignerin Lena Schröder (34) betrieben wird.

Die „Kleiderei“ ist allerdings kein gewöhnlicher Second-Hand-Laden. Unter dem Motto „Sharing is Caring“ (auf Deutsch: teilen ist fürsorglich) haben die Kunden die Möglichkeit, stets neue Kleidung im Schrank zu haben, ohne dafür viel Geld ausgeben zu müssen. Das Prinzip: Für nur 25 Euro im Monat (Studenten zahlen 22 Euro im Monat) können Alltagskleidung und Accessoires wie Sonnenbrillen und Modeschmuck direkt mit nach Hause genommen werden. „Es können maximal vier Teile ausgeliehen werden, dafür so lange und so oft man will“, erklärt Schröder. „Die ‚Kleiderei‘ ist sozusagen der ausgelagerte Kleiderschrank unserer Kunden“, ergänzt sie. Ziel ist es, den Konsum zu reduzieren, den „Wahnsinn“ wie Schröder ihn nennt, „zu durchbrechen“. „Zu der ‚Kleiderei‘ gehört auch eine angrenzende Werkstatt, in der kaputte Sachen repariert und ausgebessert werden können.“ Teilen entspricht dem heutigen Zeitgeist, egal ob bei Autos – es gibt diverse Carsharing-Anbieter – oder eben Kleidung. Es ist ein klares Statement gegen „Fast Fashion“, mit der Modeketten aus Schweden oder Irland Milliarden erwirtschaften.

Die Idee zu dem Konzept stammt von Pola Fendel und Thekla Wilkening, die 2012 in Hamburg die erste „Kleiderei“ eröffneten. Zu ihr gehört auch ein Online-Shop, der bundesweit Kunden beliefert. Wilkening lernte Schröder während eines Praktikums bei der Modedesignerin kennen. Schröder fand die Idee der „Sharing Economy“ schon immer gut und verfolgte das Projekt. Bis heute sind die zwei Frauen befreundet.

Für Kleiderspenden von Privatpersonen ist Schröder offen und freut sich über Röcke, Hosen, Pullis, Tops und Schuhe. „Die Leute bringen Fehlkäufe oder Ex-Lieblingsstücke vorbei“, sagt sie und begutachtet die Stücke, die das ältere Ehepaar zum Weiterverkauf abgegeben hat. Darunter ein rostroter Rock mit Plisseefalten, rote Absatzlederschuhe, die kaum getragen wurden, und ein schwarz-blauer Pullover aus Angorawolle im 80er-Jahre-Stil mit farblich passender Jacke. Gehen die Kleidungsstücke nicht in den Verkauf, gibt Schröder sie an die Deutsche Kleiderstiftung. „Die Anziehsachen landen auf keinen Fall in einem Altkleider-Container an der Straßenecke“, betont sie. Gerade für die kalte Jahreszeit sind Jacken, Mäntel und Wollpullis willkommen, die zum Stil der Kunden passen und vor dem Verkauf gereinigt werden. Schröder sei es wichtig, dass die Ware nicht auf den ersten Blick wie aus zweiter Hand aussehe, damit Vorurteile erst gar nicht entstehen. Inzwischen sind über 100 Kunden Mitglied der „Kleiderei“, die Mehrheit sind Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Erst seit einem Monat gibt es auch Kleidung für Männer. „Das Feedback der Kundinnen ist durchweg positiv. Sie kaufen weniger, sparen damit Geld und vermeiden Fehlkäufe“, sagt Schröder. Wer zu einer Mottoparty geht und nicht, weiß, was er anziehen soll, kann sich von der „Kleiderei“ etwas borgen oder sogar ein Outfit für ein Vorstellungsgespräch zusammenstellen. Und wenn ein Kunde das geborgte Stück kaufen will, bekommt er auch noch 20 Prozent Rabatt auf den Verkaufspreis. Das gilt allerdings nur für Mitglieder.

Neben Second-Hand-Mode bietet Schröder auch verschiedene Designerstücke von nachhaltigen Fair-Fashion-Labels an, deren Kleidung chemiefrei ist und fair produziert wurde. „Diese können anprobiert werden und vielleicht entdeckt der eine oder der andere auch so ein neues Label für sich. Das Ausprobieren gilt auch für außergewöhnliche Schnitte und Muster. Vielleicht hätte man in einem anderem Geschäft nicht zu solchen Kleidungsstücken gegriffen“, sagt die Unternehmerin. Schließlich sei das Zurückbringen nicht das Problem, ergänzt sie. Und sollten Kleid oder Hose nicht passen, können die Stücke in der angrenzenden Werkstatt umgenäht werden.

Fotos: Anne Wildermann

Der Artikel ist zuerst im Bonner „General-Anzeiger“ am 27. November 2017 erschienen

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