Im Schatten des Doms

Der Bau der großen Moschee in Ehrenfeld war umstritten. Die öffentliche Aufregung hat sich gelegt, aber noch immer muss die muslimische Gemeinde um Anerkennung kämpfen.

Von Max Müller

Köln ist eine Stadt der Kirchen. So wird die Aufzählung aller Kirchen auf der Internetseite der Stadt Köln eingeleitet. Die Moschee an der Ecke Venloer Straße/Innere Kanalstraße sucht man in dieser Kategorie vergebens.

Es geht nur um ein Detail, aber Ayse Aydin ärgert das. Sie ist Sprecherin von Ditib, dem deutsch-türkischen Islamverband und Bauherren der Moschee. „Warum macht man keine Kategorie ‚Gotteshäuser‘ und fasst da alle Kirchen zusammen?“, fragt sie. Auch Synagogen tauchen in der Aufzählung nicht auf. „Mit dem Begriff Kirchen sind die romanischen Kirchen gemeint“, sagt Olav Lahme, verantwortlich für den Internetaufritt der Stadt Köln. Was wie eine Kleinigkeit klingt, beschreibt den Stand der Integration von Muslimen in Köln indes durchaus treffend. Offiziell spricht ihnen niemand das Recht zur freien Religionsausübung ab – die große Moschee bleibt für einige Kölner jedoch ein Fremdkörper im Herzen der Stadt.

Schätzungen zufolge sind in der einstmals katholischen Hochburg zehn Prozent der Einwohner Muslime. Sie können in der beeindruckenden neuen Ditib-Moschee beten. Nicht in der Peripherie, sondern mitten in der Stadt. Die Moschee ist quasi das Eingangstor zum angesagten Viertel Ehrenfeld. Erbaut wurde sie für insgesamt 35 Millionen Euro. Finanziert größtenteils mit Spenden, ohne öffentliche Zuschüsse. Besonders in den Jahren 2007 und 2008, vor dem Bau der Moschee, formierte sich Widerstand gegen das muslimische Gotteshaus – organisiert vom rechtsextremen Bündnis „Pro Köln“. Dabei stand in erster Linie die Veränderung des Stadtbilds im Mittelpunkt. Sogar die „New York Times“ berichtete über die Auseinandersetzung.

Seit Juni 2017 ist die Moschee begehbar, die offizielle Eröffnung steht noch aus. Es gab bisher keine Zwischenfälle, der Eingang wird von zwei Sicherheitskräften bewacht. „Der Protest in der Vergangenheit war zwar massiv, aber es waren nur wenige Leute“, sagt Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga. „Pro Köln zeigt sich heute nicht mehr. Das hat sicherlich damit zu tun, dass die AfD (Alternative für Deutschland) diesen Part jetzt übernimmt.“ Den letzten öffentlichen Auftritt von Pro Köln gab es bei der Grundsteinlegung 2009. Auf mehrfache Nachfrage, ist kein Vertreter der Initiative für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch die AfD will sich nicht äußern.

Ein Zeichen dafür, dass sich keiner mehr über Integration aufregt? Unweit der Moschee steht Helmut. Er will seinen richtigen Namen nicht nennen. Helmut ist Ur-Ehrenfelder und bezeichnet sich als weltoffen. Sein Gesicht ist durchsetzt mit Lachfalten. Als sein Blick auf die Moschee fällt, verzieht sich seine Miene. „Das ist einfach kein Teil der deutschen Kultur“, sagt er. Helmut beginnt darüber zu referieren, wie die deutsche Kultur schrittweise ausgehöhlt wird. Er tut das, ohne den Islam oder die Moschee direkt zu diskreditieren. Helmut ist vermutlich nicht der einzige Passant, der so denkt. Im Jahr 2016 hat eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergeben, dass 40 Prozent der Befragten meinen, die deutsche Gesellschaft würde von dem Islam unterwandert. Ayse Aydin hat die Erfahrung gemacht, dass sich viele Menschen nicht offen gegen die Moschee positionieren. Ablehnung gibt es trotzdem. „Ich habe mal zwei ältere Damen gesehen, die sehr interessiert durch die Fenster in den Gebetssaal geschaut haben. Ich habe sie eingeladen, mit reinzukommen“, erzählt Aydin. „Das haben sie entschieden abgelehnt. Sie sagten, damit wollen sie nichts zu tun haben.“

Zweimal die Woche, am Mittwoch und Freitag, lädt die Moschee alle Interessierten zu einer öffentlichen Führung ein. Die 200 Gruppen, die bisher die Moschee besucht haben, kommen aus der ganzen Welt, aus Malaysia oder Saudi-Arabien. „Das sind fast alles Muslime. Aus Deutschland besuchen uns viele Ditib-Gruppen“, sagt Aydin.

In Köln, deren Einwohner sich als weltoffen gerieren, kam die AfD bei der vergangenen Bundestagswahl auf 7,8 Prozent, in Ehrenfeld waren es 6,48 Prozent. Bekir Alboga nimmt die Politik in die Pflicht. „Unsere Bezirksbürgermeister prahlen immer damit, dass das auch ihre Moschee ist. Ich finde, dann sollen sie auch die Initiative ergreifen“, sagt er; „man fühlt sich wie ein Baby: Wenn man nicht schreit, bekommt man nichts.“ Auf die Tatsache angesprochen, dass die Moschee im Netz nicht als sehenswerte Kirche von der Stadt Köln definiert wird, grinst Alboga. „Ich glaube, ich muss mal wieder einen Termin bei unserer Oberbürgermeisterin machen.“ Die Moschee ist auf der Internetseite übrigens unter „Monumente & Orte“ gelistet.

Weitere Infos zur Kölner Moschee und zu Ditib

Foto: Anne Wildermann

Der Artikel ist zuerst für das „Zeitungsprojekt des Jahrgangs 2017 der Kölner Journalistenschule“ im April 2018 veröffentlicht worden

Weitere Infos zur Kölner Journalistenschule

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