Sonntags auch für Frauen geöffnet

Petra Liessem führt seit drei Jahren durch das Kölner Bordell Pascha. Menschen aus 40 Nationen
arbeiten dort

Von Anne Wildermann

Die Flure sind lang, das Licht ist schummrig und der Boden ist mit Teppich ausgelegt. Die Wände zieren Bemalungen wie aus „1000 und einer Nacht“, an einigen Stellen sind sogar Akte von Frauen zu sehen, die jedem, der an ihnen vorbeigeht, geheimnisvoll und verführerisch nachschauen. Norma-lerweise sind es nur Männer, die die Flure entlanglaufen und die Treppen zu den insgesamt elf Etagen des blau-getünchten Hochhauses an der Hornstraße in Köln rauf- und runtersteigen. Gemeint ist das wohl größte Bordell Europas, das Pascha.
An diesem Sonntagabend im Sommer steigen allerdings an die 20 Frauen die Treppen des Hochhauses hinab, nachdem sie zuvor mit Petra Liessem in den elften Stock mit dem Lift gefahren sind, wo sich die Dachterrasse mit Dusche, exklusiv ausgestattete Zimmer und eine Bar befinden.
Liessem bietet seit drei Jahren einstündige Führungen durch das Haus an. Nur sonntags dürfen auch Frauen von „außerhalb“, wie Liessem sagt, an den Touren teilnehmen. Im zitronengelben Kleid und mit zitronengelben Flip-Flops erzählt die Mittfünfzigerin im locker-witzigen Ton und kaum um eine Zote verlegen, dass das Pascha nicht wie ein „klassischer Puff“ geführt werde, obwohl es sich „um ein konservatives Haus, in dem nur Männer bedient werden“ handle, sondern wie ein Hotel. „Die Frauen kommen hierher, checken ein und zahlen Zimmermiete. Männer können auf der Hoteletage des Hauses für 200 Euro Tagespreis übernachten.“
Konkrete Angaben zur Zimmermiete für die Frauen will das Haus nicht machen. Der Gründer des Pascha, Hermann Müller, der in den 1990er Jahren das ehemalige Eros-Center übernommen hatte, ist gelernter Hotelfachmann und wollte somit das Haus auch nie anders führen.
„Wir müssen uns mal von dem Gedanken frei machen, das Prostitution immer etwas mit Zwängen und Zuhälterei zu tun hat“, betont Liessem und ergänzt: „Die Frauen, die hier arbeiten, haben zum Teil Familie oder sind verheiratet. Zwang und Zuhälter gibt’s am Eifeltor.“ Damit spielt Liessem, die insgesamt sieben diverse Stadttouren durch Köln macht, auf den Straßenstrich am Güterbahnhof Eifeltor an.

Musik, die fast vergessen war, strömt durch das Pascha

Die Aussicht von der Dachterrasse mit Blick auf den Kölner Fernsehturm beeindruckt die Frauengruppe. Aus der Ferne wummert Techno-Musik vom Open-Air-Club „Odonien“. Die Frauen sind alle mittleren Alters und kommen aus unterschiedlichen Ortschaften im Rheinland. „Kann man die Terrasse auch privat buchen?“, fragt eine. Liessem schüttelt den Kopf. Schnell werden noch einige Zigaretten geraucht, bevor Liessem den Teilnehmerinnen die Pascha-Suite mit Blick auf den Dom zeigt, und dann alle „die Treppen hinunterkrabbeln“, wie die Tourführerin es noch öfter an diesem Abend sagt. Plötzlich wird den Frauen klar, warum ein Laufhaus auch Laufhaus genannt wird.
Musik, die fast vergessen war, etwa der Song „Blue“ von Eiffel 65, säuselt durch die Lautsprecher im Treppenhaus und in den Fluren. Nur sporadisch sind Freier mit verhuschtem Gesichtsausdruck zu sehen. Vor einigen Zimmertüren stehen Hocker, auf denen vereinzelt leicht bekleidete Frauen sitzen. „Steht der Hocker vor der Tür und eine Frau sitzt drauf, kann der Mann zu ihr. Steht kein Hocker vor der Tür, ist keine Frau da. Ist die Zimmertür geschlossen und der Hocker frei, arbeitet die Frau gerade“, fasst Liessem zusammen. Sowohl Bezahlung als auch die sexuellen Wünsche der Freier werden im Vorfeld geklärt. „Will er einen Nachschlag, muss erst bezahlt werden“, ergänzt sie. An die 14 Stunden arbeiten die Frauen am Wochenende im Pascha, es sind auch die Tage, an denen am meisten los ist.

Neben dem Fenster steht ein Käfig

„Arbeitszimmer“, wie sie im Haus genannt werden, zeigt Liessem nicht. Das sei schließlich privat. „Ihr wollt ja auch nicht, dass Fremde durch euer Schlafzimmer latschen.“ Stattdessen führt sie in ein Zimmer auf der 10. Etage, in dem Utensilien wie Dildos, Eisenketten und Lackkleidung einer Domina auf dem Bett und an den Wänden drapiert sind. Über dem Bett hängt ein Großer Spiegel, in der Zimmerecke neben dem Fenster steht ein Käfig.
„Früher gab es drei Domina-Zimmer, heute gibt es nur noch ein Schwarzlichtzimmer“, erzählt Liessem. Der Grund: Die Frauen geben sich selbst dominant und bieten ihre Dienste dem Kunden an. „Eine gute Domina wirst du nicht in ein paar Wochen. Das braucht Jahre“, betont Liessem und ergänzt: „Ich kann euch sagen, ich habe schon Instrumente aus dem urologischen Bereich gesehen, da wird einem ganz anders.“ Ein leises Stöhnen geht durch das beengte Zimmer. Das Kopfkino beginnt.
Vorstellungen, wie das Bordell von innen aussieht, hatte die Gruppe nicht. „Einige Männer der Frauen wissen auch nicht, dass wir heute Abend im Bordell sind. Sie glauben, dass ihre Frauen im Theater sind“, gesteht eine Teilnehmerin mit einem roten Fächer. Eine andere wirft ein: „Ich finde es so ungerecht, dass das alles nur für Männer ist.“ Ein Bordell für Frauen habe sich nach Angaben von Liessem „nicht durchgesetzt“. „Das Ganze ist dann auf die Homosexuellenschiene abgedriftet“, erklärt sie.

Petra Liessem macht seit sieben Jahren Rotlichtführungen durch Köln (von den Römern bis heute). Aus solch einer Führung ist die Pascha-Tour vor drei Jahren entstanden. Bevor Liessem Touristenführerin wurde, arbeitetet sie 32 Jahre in der Gastronomie. Davon zehn Jahre in der Milieukneipe „Klein Köln“ im Friesenviertel.
Das Pascha existiert seit 22 Jahren. Früher war das Gebäude ein weißer Kastenbau mit „Schlachthofcharme“. Das Gebäude wurde in den 1970er Jahren errichtet, nachdem die Kölner Innenstadt als Sperrbezirk deklariert worden war.
Das Haus hat mehr als 100 Zimmer, in denen bis zu 40 verschiedenen Nationalitäten vertreten sind. Zur Anzahl der Freier will das Haus keine Angaben machen.
Geschäftsführer ist Armin Lobscheid, der Inhaber ist eine Gesellschaft.
Pro Monat bietet die Agentur „Kölngeflüster“, über die die Tour gebucht werden kann, bis zu zwei öffentliche Touren an. An die 500 Personen im Jahr nehmen teil. Bedingung: Die Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Eine Altersgrenze gibt es nicht.
Im Anschluss können die Teilnehmer kostenlos den „Night Club“ besuchen, wo sonntags auch männliche Tänzer auftreten.

Fotos: Anne Wildermann

Der Artikel ist zuerst im Bonner „General-Anzeiger“ am 17. Juli 2018 erschienen

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