Eine Ruhestätte für die Ewigkeit

Der jüdische Friedhof in Deutz gleicht einem einzigartigen Biotop für Schmetterlinge und Hummeln.  Das ist durchaus gewollt, wie man bei Rundgängen von Winfried Günther erfährt

Von Anne Wildermann

Das braune Herbstlaub raschelt unter den Schuhsohlen. Warme, goldgelbe Strahlen wirft die Nachmittagssonne auf die zum Teil schon dunklen und im Laufe der vergangenen Jahrhunderte stark von der Witterung gezeichneten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Deutz. Er liegt etwas versteckt am Judenkirchhofsweg, nur einen Steinwurf von der Weiterbildungsschule Köln-Kolleg entfernt, hinter einem grünen Eisentor, von dem bereits die Farbe absplittert. Bäume und hüfthohe Gräser wachsen wild um die Gräber herum. Der Friedhof, der zur Synagogen-Gemeinde Köln gehört und deren Gotteshaus an der Roonstraße steht, wirkt verschlafen, unberührt und nahezu einsam. Wäre da nicht eine Gruppe mit mehr als 20 Teilnehmern, die Winfried Günther (65) durch die zugewachsenen
Grabreihen folgen und seinen Erzählungen über Kölns ältesten jüdischen Friedhof von 1695 für zwei Stunden aufmerksam lauschen. Der Friedhof ist der einzige seiner Art, der im heutigen Kölner Stadtgebiet noch erhalten ist.
Günther ist als Referent bei der Synagogen-Gemeinde angestellt und war 19 Jahre lang Verwalter des jüdischen Friedhofs in Bocklemünd, auf dem auch heute noch bestattet wird. Dass er bereits seine fünfte Führung an diesem Oktobernachmittag macht, merkt man ihm nicht an. Kurz vorher war er noch in der Synagoge an der Roonstraße und führte dort Besucher durch die Räume.

„Nicht alle Juden sind fromm“

Günther ist von schlanker Statur, hat weiße Haare, einen weißen Bart, trägt ein weißes Hemd, eine schwarze Jacke und schwarze Jeans. Freundlich blinzeln seine Augen durch seine ebenfalls schwarze Brille. Auf dem Kopf trägt er, wie es sich für einen männlichen Juden auf einem jüdischen Friedhof gehört, eine scheinbar handgefertigte Kippa. „Sie werden es nicht glauben, aber ein Großteil der Leute denkt nach wie vor, dass Juden reich sind und nichts von ihrem Geld abgeben wollen“, sagt er unumwunden. Schweigen. Das sei nur ein Vorurteil von vielen, so, wie „dass alle Juden fromm sind und alle einen Bart haben“, ergänzt er lachend.
Die Gruppe streift an Gräbern von Berühmtheiten vorbei wie den Philosophen Moses Hess und Isaac Offenbach, Jacques Offenbachs Vater, der als Kantor der jüdischen Gemeinde in Köln gearbeitet hat und seine letzte Ruhestätte 1850 in Deutz fand. An die 6000 Grabsteine stehen auf dem jüdischen Friedhof, darunter auch eine recht prunkvolle Stehle des Oppenheim-Clans. Bis 1942 fanden auf dem Deutzer Friedhof noch Bestattungen statt. Ein Großteil der eingemeißelten Inschriften, sowohl in hebräischen als auch in lateinischen Buchstaben, ist im Laufe der Jahrhunderte und Jahrzehnte verblasst. EinigeLettern, die dreidimensional aus Eisen gefertigt sind, wurden aufgrund des Eisenmangels während der beiden Weltkriege von den Steinen gestohlen und eingeschmolzen.

Wenige Angehörige kommen auf den Friedhof

Andere Grabsteine wiederum, die aus Sandstein und nicht aus Marmor sind, bröckeln regelrecht in sich zusammen. Das sei auch gewollt. Auch, dass die Vegetation im Vergleich zu einem christlichen Friedhof üppig und naturbelassen wächst: „Wir haben nicht viel fürs Gärtnern übrig“, lautet Günthers Erklärung. Es störe nicht, dass der Friedhof einem Gemälde aus der Romantik gleicht. Im Gegenteil. Dieses Pittoreske mache ihn charakteristisch und zu einem Wohlfühlort für Uhu, Bussard, Schmetterling, Igel und Hummel. Aus diesem Grund werden die Pflanzen nur zur passenden Jahreszeit geschnitten und Gräser traditionell mit Sichel und Sense bearbeitet.
Unterstützt wird die unkonventionelle Pflege von der Kölner Kreisgruppe des BUND. Den
preußischen Einfluss erkennt man nur bei einigen Grabsteinen, die nicht aufrecht stehen, sondern liegen. Grund: Während des Napoleonischen Krieges wollten die Preußen beim Schießen freie Sicht auf die Franzosen haben. Laut Günther gebe es nur wenige Angehörige, die noch auf den Friedhof kommen. Diese reisten aus allen Teilen der Welt, aus Australien,
den USA, Kanada, Mexiko, Argentinien, Europa und auch aus Israel an. Dann legten sie statt Blumen Steine auf die Grabsteine oder Platten. „Es ist egal, woher der Stein stammt – aber ganz bestimmt nicht vom Nachbargrab“, sagt Günther. Die Gruppe lacht.
Bestattet wird nicht in prunkvollen oder teuren Särgen aus Mahagoniholz, sondern in schlichten Kisten aus Fichtenholz oder in Leichentüchern, nachdem die Verstorbenen
rituell gereinigt wurden. „Unter der Erde sind alle gleich“, betont Günther und erklärt, dass eine Einäscherung für Juden nicht infrage komme, weil sie sonst nicht mehr auferstehen
können. „Schließlich soll jeder die Chance auf Auferstehung haben, wenn der Messias kommt“, sagt er. Wann das sein wird, weiß natürlich niemand. Aber Günther ist davon
überzeugt, dass er schon da wäre, wenn alle Juden den Schabbat (Ruhetag) einhalten würden: „Das machen und versuchen aber gerade mal ein Prozent der Gläubigen.
Der Rest lebt so dahin, so unter dem schlechten Einfluss der Mehrheit.“

Bis zu 10 000 Menschen besuchen jährlich die Synagoge an der Kölner Roonstraße. Zahlen darüber, wie viele Besucher auf den jüdischen Friedhof in Deutz kommen, gibt es nicht.
Die Gemeinde, die eine orthodox geführte Einheitsgemeinde ist, zählt 5000 Mitglieder und gilt als die älteste nördlich der Alpen. Die neun Prozent Kirchensteuer werden, wie bei
Christen, über die Lohnsteuer erhoben. Darüber, sowie über Zuschüsse vom Land NRW und dem Zentralrat der Juden, finanziert sich die Gemeinde.
Nur Menschen jüdischen Glaubens können auch auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden. Am 6. Dezember 1918 wurde der Friedhof Bocklemünd erstmals belegt. Er gilt als Nachfolgefriedhof des Deutzer Friedhofs. Nachdem die Friedhofsfläche mit Gräbern voll belegt war, bedurfte es eines neuen jüdischen Friedhofs. Auf dem Friedhof an der Venloer Straße stehen an die 6000 Grabsteine. Seit ungefähr 1920 gibt es nur noch Inschriften mit lateinischen Buchstaben statt mit hebräischen. Auf dem Friedhof in Bocklemünd ist es seit 1996 Pflicht, dass zumindest sieben hebräische Buchstaben auf die Grabsteine eingraviert werden, damit der Friedhof als ein jüdischer erkennbar ist: zwei hebräische Buchstaben, die die Inschrift eröffnen, und fünf weitere hebräische Buchstaben, die die Inschrift abschließen. Pflicht ist, dass Teilnehmer ihren Personalausweis mitbringen und männliche Besucher jeden Alters eine Kopfbedeckung tragen wie Kippa, Mütze, Basecap oder Hut.

Fotos: Anne Wildermann

Der Artikel ist zuerst im Bonner „General-Anzeiger“ am 8. November 2018 erschienen





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